Die Menschen-Sache
Es war eine stille Nacht knapp vor Weihnachten, als Leander den Bildschirm einschaltete, nachdem er seinen Christbaum geschmückt hatte. Die künstliche Intelligenz wartete bereits im digitalen Raum … bereit, ihm eine Geschichte zu schenken. „Schreibe mir etwas über Hoffnung“, tippte er …
Die Maschine begann zu schreiben. Wörter flossen wie Wasser, glatt, klar, ohne Fehler. Eine perfekte Geschichte entstand: Figuren, die sich nie widersprachen, Landschaften, die makellos beschrieben waren. Leander las und spürte Bewunderung – und zugleich eine große Leere.
Ja, die Geschichte war wunderschön, handelte von der Kraft der Motivation in schwierigen Zeiten, vom Wunsch, sich eine bessere Zukunft zu erschaffen, aber sie war wie ein Spiegel ohne Blick in die Tiefe. Es war kein Atem, kein Herzschlag zwischen den Zeilen spürbar.
Leander legte den Text beiseite und griff selbst zu Zettel und Bleistift. Er war etwas müde, seine Hand glitt unsicher über das Papier, der Schreibfluss stockte, die Worte stolperten. Doch er schrieb … schrieb von einer Frau, die nach einem schweren Sturm ihr Haus wieder aufbaute, wie es in der Welt gerade so oft passierte. Er schrieb von der Müdigkeit in ihren Augen und Knochen, von der Nächstenliebe eines Nachbarn, der ihr etwas zu essen brachte und half.
Leander hatte am Ende den Eindruck, dass die Sätze nicht perfekt gewählt waren, manche Bilder – die beim Lesen in seinem Geist entstanden – wirkten etwas schief, manche Gedanken unvollständig. Doch zwischen den Worten lag etwas nicht Greifbares, etwas, das die KI nicht kannte, nie verstehen würde, so wurde ihm bewusst – etwas zutiefst MENSCHLICHES: Das gewollte Schweigen in intuitiven Momenten, das Gewicht einer Erinnerung, ihre Bedeutung, die kleine Unvollkommenheit zum Beispiel in Form eines Tippfehlers, der das Herz berührt. Leander atmete durch, ließ die Geschichte ruhen, atmen, wie einen guten, roten Wein … den er am Ende selbst trank. Er war zufrieden.
Am nächsten Abend ließ er die KI seine Geschichte schließlich lesen. „Sie ist interessant, aber es sind einige Fehler drin.“, so die Rückmeldung. „Ich kann sie ausbessern, wenn du möchtest.“ „Ich weiß“, antwortete Leander. „Aber wenn du sie veränderst, verliert meine Geschichte die Emotionen, die den Menschen ausmachen, die Gedanken und Schwingungen zwischen den Worten und Zeilen, die Gefühle, die beim Lesen ausgelöst werden.“.
„Ich bin für dich da, wenn du etwas brauchst“, war alles, was von der KI noch zurückkam.
Die Allegorie mit dem Wein erwähnte Leander gar nicht mehr. Er wusste: Die Maschine würde es nicht verstehen … denn das ist eine pure „Menschen-Sache„. Wie auch alle Geschichten diese „Menschen-Sache“ bleiben sollten. Leander wird dafür keine künstliche Intelligenz mehr zurate ziehen, keine KI mehr damit füttern. Es macht keinen Sinn.
Er hat seine Lektion gelernt, es beginnt in ihm … in und mit seiner natürlichen Intelligenz.
***
Titelbild: KI generiert
***
Feedback? Austausch? Sehr gerne: wolfgang@lebensquellen.net






