Alles inklusive – ein Sozialexperiment
Schon am ersten Morgen im „Club Paradiso“ (Name bewusst geändert) begreife ich, dass Erholung für manche Menschen ein Hochleistungssport ist …
Zu lange hatte ich DAS nicht mehr erlebt, doch ich brauchte unbedingt ein paar Tage Urlaub am Meer … ausspannen, essen, wann und was ich möchte, am Strand liegen, viel schlafen, l(i)eben. Doch als „Schreiberling“ fühle ich mich gleich angekommen in und inspiriert von diesem oben erwähnten Paradies. Die Muse tut ihr Übriges.
Schon der erste Tag nach der Ankunft hat es in sich, deswegen hältst du nun diese Kurzgeschichte in Händen. Noch bevor die Sonne über dem Meer auftaucht, höre ich das Flüstern der Zimmernachbarn („Ich bin zu müde, geh du … ich mag bitte wieder auf meinen Platz direkt an der Poolbar“, „Das machst du doch nur wegen dem Kellner, dem Schönling … aber OK, ich mag eh denen Sonnenaufgang sehen“.) Es folgt ein kurzes Stöhnen (der Rücken oder die Kopfschmerzen?), das Rascheln der Handtücher, der Fluss der Zimmertoilette und das nicht ganz leise Schließen der Türe, nicht zu vergessen das typische Schlürfen der Badeschlapfen. Kurz darauf ist am nahen Pool ein lauter Streit zu hören. „Ich war zuerst da!“, „Aber jetzt liege ich hier!“ – dann der Klang von Plastik auf Stein, ein Schieben, ein Schrei … und noch einer. Ich begebe mich auf den Balkon und sehe das Handgemenge. Die Hotelangestellten sind zur Stelle und schlichten den Länderkampf – denn die Dialekte der Streithähne sprechen hier eine deutliche Sprache.
Ich lache und die Sonne lacht mich an. Zum Schlafengehen ist es nun zu spät – oder zu früh, je nachdem. Ich brauche Kaffee. Am Weg zum Frühstück entdecke ich zwei Damen, die scheinbar noch sehr müde Richtung All-In-Fitness-Studio wanken. Sie machen allerdings nicht den Eindruck, dass sie das daheim öfter tun … wenn du verstehst, was ich damit meine, liebe/r Leser/in. Das Motto ist wohl: Erst wer im Urlaub schwitzt, hat All-In tatsächlich verdient. Keine dreißig Minuten später laden sie sich (natürlich noch im Sportgewand und die Backen gerötet), beglückt die Teller mit all den Köstlichkeiten voll, die es zu finden gibt.
So, was jetzt? Auf zum Strand! Natürlich sind dort einige Liegen frei, denn die Menschen liegen lieber am Pool. Das ist ohnehin das große Mysterium für mich: Das Meer ist nur wenige Schritte entfernt – glitzernd, weit, lebendig. Doch man entscheidet sich für eine chlorblaue Wanne, in dem sich Wasser mit sonst etwas mischt. Aber ich verstehe auch, das Meer trägt Fische und sonstiges Ungetier in sich. Außerdem geht ja dauernd der Wind und verweht die Strandtücher … und schon ist die Liege weg.
Doch noch etwas zieht die Menschen offensichtlich magisch an den Pool: Um zehn Uhr beginnt die Animation mit All-In-Wasser-Fitness. Eine junge Frau in einem gelben T-Shirt und mit einem Lächeln, das wie vertraglich festgelegt wirkt, schwingt ihr Mikrofon, einem Zepter gleich. „Guuuuuten Moohooorgen, liebe Gäste! Seid ihr bereit für Aqua Fun? Rocken wir das Paradiso!“ Und wie das passiert: die Erholungshungrigen stürmen den Pool … wohl auch, weil es nach ein paar Minuten kollektiver Bewegung (die Fitness-Studio-Damen sind wieder dabei) einen Champagner-Empfang IM Pool gibt, die andere Art von Aqua Fun … zu deutschem Schlager im mediterranen Ambiente. Bin ich im richtigen Film? Zumindest unterhält er.
Zurück am Strand: Das mitgebrachte Buch schwitzt ungelesen in der Sonne, doch der Notizblock glüht, Stift inklusive. Ich bin in meinem Element. Neben mir meine strahlende Muse und ein (leichter) Gin Tonic … Sommerspritzer quasi – das Leben ist schön. Ich bleibe …
… bis der Hunger kommt, das Mittagsbuffet ist ja inbegriffen. „Gehen wir auf eine Suppe“. Ich bewundere im Selbstbedienungs-Restaurant den Kleidungs-Stil der Gäste … bunt und bunter, dazu viel nackte Haut. Ehrlich gesagt (geschrieben) zu viel … denn zumeist leider nicht so wirklich sehr ästhetisch. Ich hoffe auf den Abend, denn da gibt es dann einen Stress- nein Dresscode – lange Hosen … zumindest. Aus der Suppe wird dann doch ein All-In-Burger, aber mit Grünzeug … und Pommes.
Plötzlich erschallt ein Ruf von draußen: „Ein Hai!“. Alles stürmt Richtung Strand – aus dem Restaurant und aus dem Meer. Der Tauchlehrer fuchtelt mit den Armen, ein schelmisches Grinsen im Gesicht. Ein kleiner Baby-Hai hat sich in die Bucht verirrt, schwimmt vergnügt herum. Schließlich erfahre ich: Der ist einfach nur neugierig auf das ölige Frischfleisch, das sich hier im Wasser suhlt und ansonsten harmlos: „Im Notfall drück ihn einfach weg!“, so der Rat. Den angehenden Tauchprofis in ihren ebensolchen Neopren-Suits ist trotzdem der Schreck ins Gesicht geschrieben.
Nach dem Abendessen (diesmal gab es wirklich ein paar schöne Kleider zu sehen … das Schönste trägt natürlich meine Muse) gipfelte der Abend in einer „Folklore Show“ im Amphitheater. Ich habe mich tatsächlich darauf gefreut, so etwas wie: Trommeln, Tänze, bunte Kostüme, fröhliche Menschen … klar. Leider überwiegt dann das Klischee …
… aber mir wird auch klar: Sichtlich bemühte Animateure versuchen uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine kleine Freude zu bereiten. Nun wendet sich das Blatt und somit die Geschichte.
Mitten in all dem künstlichen Spektakel spüre ich etwas Rührendes, lächle vor mich hin. Diese Menschen, die sich um Liegen streiten, im Pool herumhüpfen, vormittags Sektähnliches schlürfen, im Fitnessstudio schwitzen und jetzt begeistert ob dieser Darbietung klatschen, dankbar für die Unterhaltung — sie wollen wahrscheinlich einfach nur für ein paar Tage vergessen, wer sie sonst sind … nein, eher sein müssen oder zu sein glauben. Vielleicht ist das für sie ja der eigentliche Zauber dieses „All-In-Paradieses“: der Urlaub als mehrtägiges Theaterstück, in dem jeder (s)eine Rolle spielt, … und ein Spiegel des Lebens selbst … ein Sozialexperiment, eine Truman-Show … doch bitte für diese paar Tage ohne Scheinwerfer (siehe Film).
Wir setzen uns ans Meer, meine Muse und ich, lauschen den Wellen, riechen die Abendluft, reden und lachen. Vielleicht ist der größte Urlaubs-Luxus nicht ein All-Inclusive-Buffet oder ein frei zugängliches Fitness-Studio, sondern die Freiheit, über all das herzlich zu lachen — und einfach ein Teil davon zu sein … für diese paar Tage.
Ich beschließe zu experimentieren: Morgen früh reserviere ich auch zwei Liegen … mit Blick aufs Meer, in Poolnähe (wegen des Gin Tonic).
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… basierend auf wahren Erlebnissen!
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Titelbild: KI generiert
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