Die Geschichte zum Stein, der einfach da war
Der Stein lag wohl schon immer dort. Zumindest schien es so. Ein grauer, unscheinbarer Brocken am Rand eines alten Waldpfades, halb im Moos versunken, halb im Licht, nahe einer Quelle …
Wanderer gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken, manche traten auf ihn. Den Stein störte das nicht. Steine haben es nicht eilig.
Doch eines Morgens blieb tatsächlich ein Junge vor ihm stehen. Vielleicht, weil der Stein im ersten Sonnenstrahl glitzerte, benetzt vom Morgentau. Vielleicht auch, weil der Junge mit leerem Blick gerade etwas suchte, ohne genau zu wissen, was. Er setzte sich neben den Stein, strich mit der Hand über die raue Oberfläche und sagte: „Du fühlst dich feucht an. Das gefällt mir.“
Der Stein antwortete nicht. Vielleicht aber erinnerte er sich, wer weiß das schon. An den Regen, der ihn kühlte. An Sommer, die ihn aufheizten. An Winter, die ihm eine weisse Haube aufsetzten. An Füße, die ihn berührten, das permanente wie beruhigende Rauschen der nahen Quelle und an die Stille, die ihn sonst umgab … wenn nicht gerade Wanderer vorbeikamen. Doch er machte sich keine Gedanken darüber. Steine tun so etwas grundsätzlich nicht.
Der Junge blieb lange sitzen. Schließlich begann er zu sprechen … über Dinge, die ihn beschäftigten: kleine Sorgen, große Fragen, Freundschaften, das merkwürdige Verhalten der Erwachsenen. Der Stein hörte zu, wie Steine zuhören: ohne Urteil, ohne Eile, ohne Absicht. Er war einfach da.
Als der Junge schließlich aufstand, wirkte er erleichtert. Nicht, weil der Stein ihm etwas gesagt hatte, sondern weil er eben nichts gesagt hatte. „Danke“, murmelte er und ging seiner Wege.
Der Stein blieb zurück, nicht mehr feucht, nicht mehr glitzernd, doch erwärmt von der Sonne. Und so lag er weiter dort – ein grauer, unscheinbarer Brocken am Rand eines alten Waldpfades, halb im Moos versunken, halb im Licht, nahe einer Quelle … seiner Lebensquelle.
Bereit für den nächsten Jungen.
Bereit aber auch für ein Mädchen, eine Frau, einen Mann, sogar mit Hund.
Bereit, einfach da zu sein – für den Moment, für die Geschichte, für DIESE Geschichte.
Lass auch uns immer wieder einmal Stein sein, in aller Achtsamkeit.
DANKE!
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Titelbild: KI generiert
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