Kundalini Rising
Im Herzen eines Vorstadtviertels, zwischen Bioladen und Klangschalenstudio, liegt das „Zentrum für holistische Bewusstseinsentfaltung“. Es ist ein Ort, an dem man sich selbst begegnen kann – vorzugsweise in auffälligen Yogahosen aus recyceltem Bambus und mit einem Glas energetisiertem Wasser in der Hand …
Heute ist ein besonderer Tag: Das Seminar „Kundalini Awakening für Fortgeschrittene“ steht an. Die Teilnehmer sind gekommen, um ihre inneren Schlangen zu erwecken. Denn die Kundalini, so erklärt die Seminarleiterin Shakti-Lisi gleich zu Beginn, sei jene uralte Energie, die wie eine schlafende Kobra am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Wenn sie erwacht, steigt sie spiralförmig durch die Chakren auf – bis zur „Erleuchtung“ … oder dem Nervenzusammenbruch, je nach Tagesform – wie sie hyperaktiv lachend ergänzt. Niemand lacht mit.
Doch bevor die Reise nach innen beginnen kann, muss erst ein äußeres Hindernis überwunden werden: der Parkplatz … denn man kann sich zwar einen beim Universum wünschen, mehr werden es rund um das Zentrum dann trotzdem nicht. „He, du parkst mich gerade zu, ich muss heute früher weg!“, ruft ein Mann mit buntem Stirnband von seiner Yogamatte aus, während er gerade aus dem offenen Fenster blickt. „Warum planst du so weit voraus? Lass los, erwecke die Weiblichkeit in dir, das gleicht aus!“, kontert die Fahrerin, eine resolute Frau in Pluderhosen und einem Kali-Tattoo am Oberarm, als sie ihr Auto – einen SUV – absperrt. Ein anderer Teilnehmer, der gerade seine Aura mit Palo Santo ausbalanciert hat, schüttelt den Kopf, macht das Friedenszeichen. Das Seminar beginnt schließlich mit einem Mantra – „Om Shanti“, doch man blickt sich böse an. Die Kundalini bleibt vorerst unten.
Nach einem Vormittag voller Atemübungen und Chakren-Visualisierungen versammelt man sich beim veganen Mittagsbuffet. Die Stimmung ist zu Beginn gelöst – nicht etwa wegen der fortschreitenden Transformation, sondern wegen der heiß begehrten Süßkartoffel-Kichererbsen-Bällchen mit Cashew-Dip. Es heißt, diese sind besonders liebevoll zubereitet und voller Licht. „Bitte achtet auf mein Energiefeld, ihr kommt mir zu nahe“, zischt eine Teilnehmerin mit einer bunten Mala um den Hals, während sie sich mit einem eleganten Ellbogenstoß dem letzten vorhandenen Bällchen nähert. Denn zuvor hat sich ein Mann mit Ziegenbärtchen, einem OM am Ruderleibchen und einem einnehmenden Lachen drei Portionen gesichert. Ein weiterer Teilnehmer, der sich selbst als „spiritueller Content Creator“ bezeichnet, filmt das ganze Geschehen für seine Follower. „Hier seht ihr, wie ich in Dankbarkeit die Speisen empfange, Namaste!“, flötet er in die Kamera, „Hashtag: #SoulFuel #KundaliniRising“. Shakti-Lisi versucht – die Hände am Herzen, Verzweiflung im Blick – zu intervenieren: „Denkt daran, ihr Lieben. Wir sind auch am Buffet alle eins!“. „Aber ich habe doch auch für die Bällchen bezahlt!“, so die verzweifelte Mala-Dame. Im Hintergrund streiten zwei angehende Yogis darüber, ob man beim Essen auch noch achtsam kauen muss, wenn man bereits „aufgestiegen“ ist. Doch zu kauen gibt es ja nichts mehr, es ist nur noch die Dip-Sauce da. Der Mann mit Stirnband würde sich gerne eine Pizza holen. Doch Kali hat etwas dagegen. Er bleibt zugeparkt, atmet durch und dann seinen Hunger weg! Die Kundalini muss heute wohl genügen.
Ego mio! Rise! To be continued!
***
… basierend auf wahren Erlebnissen!
***
Titelbild: KI generiert
***
Feedback? Austausch? Sehr gerne: wolfgang@lebensquellen.net







