Die Ingvar-Saga: Zwischen den Welten
Eine nordische Saga in 3+2 Teilen vom Ruf des Lichts …
1 – Der Aufbruch
Der Morgen roch nach nassen Gras und dem Salz des Meeres, als Ingvar Nebrason, ein Sohn uralter Linien, die Hand über den Rand seines Langschiffs legte. Das Holz vibrierte unter seinen Fingern wie ein lebendiges Tier – als würde die Eiche, aus der das Schiff gebaut war, selbst wissen, dass heute ein Weg begann, der nicht nur über das Meer führte, sondern tief in die legendäre Welt hinter den Schleiern, auf das Blick des Ingvar gerichtet war.
Er war kein Mann der vielen Worte, aber in seinem Blut sangen die Ahnen: Die Wanderer aus dem Norden, die Hüter der Runen und die Träger des Feuers, das nie erlosch. Manchmal, wenn der Wind aus der Richtung der alten Heimat kam, wie er diese Schleierwelt empfand, hörte er sie flüstern.
Heute war einer dieser Tage und heute war es endlich an der Zeit, aufzubrechen.
Der Nordwind strich über das Fjordwasser, und in seinem Klang lag etwas Ungewöhnliches: Ein tiefer Ton, der sich in den Nebel legte, der wie der Schlag jener Rahmentrommel klang, mit der seine Mutter die Opferrituale seines Stammes zelebrierte.
Ingvar schloss die Augen. Der Ton wurde zu einem Bild: Eine helle Lichtgestalt, die auf einem Felsen stand, das Antlitz nicht zu erkennen, nur die Augen glühten wie illuminierte Kristalle. Neben der Gestalt erhob sich eine Eiche, uralt, mit Linien, die in klaren Formen durch den Stamm liefen.
„Folge mir“, sagte der Wind.
Ingvar öffnete die Augen. Er wusste: Dies war tatsächlich kein gewöhnlicher Tag. Dies war DER Ruf, auf den er – zu Beginn unbewusst, später immer bewusster – schon lange gewartet hatte.
Er stieg in sein Schiff, die Krieger und Schildmaiden warteten schon. Sie kannten diesen Blick, zu lange waren sie eine verschworene Gemeinschaft. Es war der Blick dieses Mannes, der seiner Bestimmung folgt, entschlossen … nicht blauäugig, auch wenn seine Augen von strahlendem Blau waren … und so manche Schildmaid sich wünschte, dieser Blick würde ausschließlich ihr gelten. Doch Ingvar wusste instinktiv, sein Herz würde bald seine ganz eigene Bestimmung finden. Er wollte sich einfach nicht binden.
„Wir fahren nach Westen“, sagte er. „Dorthin, wo die Nebel dünn werden und die Welt sich zeigt, wie sie wirklich ist.“ Die Ruder tauchten ins Wasser. Das Schiff glitt hinaus, und der Fjord öffnete sich wie ein Tor in eine neue Welt.
Über ihnen kreisten zwei Raben. Unter ihnen bewegte sich das Meer wie ein lebendiger Atem. Vor ihnen lag ein Weg, den kein Mensch kannte — nur die Götter des Nordens. „Odin ist mit uns“, flüsterte Ingvar und tief in seiner Brust begann etwas zu brennen: Ein Feuer, das nicht zerstört, sondern erinnert. Ein Feuer, das sagt: „Du bist nicht allein auf dieser Reise. Du bist Teil von All-Eins. Etwas Starkem. Etwas, das gerade wieder erwacht.“
Heill ok sæll!
2 – Der Ruf
Der Morgen roch nach Nebel und nassem Holz, als Ingvar Nebrason erwachte. Er brauchte einen Moment, um zu verstehen, wo er war — auf dem Deck seines Langschiffs, das ruhig im Wasser lag wie ein Tier, das schläft. Die Männer und Schildmaiden schlummerten noch, doch Ingvar wusste: Heute würde sich etwas ändern. Zu lange waren sie unterwegs, zu viel hatten sie erlebt … nur ein Vorspiel zur Reise, die jetzt beginnen würde. Denn in der Nacht hatte er geträumt. Nicht irgendeinen Traum … einen Traum, der wie eine Rune in sein Inneres geschnitten war.
Er stand vor einem Hügel, wie von silbrigem Nebel umwoben. Unter ihm lag eine Siedlung, alt, verwinkelt, mit Holzhäusern, die sich wie Tiere an den Hang schmiegten. Ein Name formte sich in seinem Geist, eindringlich wie ein langer Trommelschlag: Glastingabyrig. Doch es war nicht die Siedlung, die ihn rief. Es war der Baum an ihrem Ortsrand, am Fusse des Berges, eine uralte Eiche, so groß, dass er den Himmel zu berühren schien. Sein Stamm war breit wie ein Haus, und durch das Holz zogen sich Linien aus Gold, feine Spiralen, als hätte jene uralte Macht selbst die Muster hineingelegt, die über alles Wissen der Welt verfügte – als hätte Odin selbst letzte Hand angelegt. Die Blätter schimmerten wie Silber im Wind, und der Boden um ihn herum war dunkel, feucht, voller alter Kraft. Unter dem Baum stand eine Frau. Ihr wallendes Haar fiel wie ein dunkler Nebel über die Schultern, und ihre Augen leuchteten, obwohl sie dunkel schienen. War es die Frau aus früheren Visionen oder eine seiner Ahnfrauen? Er wusste es nicht … er wusste nur: Er kannte sie schon viele Leben und er musste zu ihr.
Sie sah ihn an, als hätte sie ihn schon lange erwartet. „Ingvar Nebrason“, sagte sie, und ihre Stimme war wie das Rascheln von Blättern im Wind. „Du kommst spät, wo warst du?“ Er wollte sprechen, doch der Traum begann zu flimmern. Der Baum pulsierte. Die goldenen Linien wurden heller. Die Frau hob die Hand. „Finde mich“, sagte sie. „Am Fuß des Berges. Unter dem Baum, der den Atem der Erde trägt.“ Dann brach der Traum auseinander wie ein Stück Eis und er roch den Nebel.
Ingvar fuhr hoch. Der Wind war stärker geworden. Er stand auf, griff nach dem Holz des Bugs und spürte, wie das Schiff vibrierte. „Wir segeln nach Denelag, sagte er leise, dort gibt es einen Ort, der Glastingabyrig heißen soll“. Hervör, eine der mutigsten Schildmaiden seiner Truppe und Ingvar sehr zugetan, trat zu ihm. „Ich habe gehört, diese Gegend ist nicht mit dem Schiff zu erreichen. Was wollen wir dort?“. „Es gibt versteckte Wasserwege … und was wir dort wollen? Ich weiß es nicht … aber ich muss dorthin. Ihr könnt nun umkehren, ich möchte euch zu nichts zwingen.“. Es ging ein Raunen durch die verschworene Gemeinschaft. Niemand würde zurückkehren. Hervör nahm Ingvars Hand und flüsterte ihm ins Ohr: „Du hast deine Antwort!“. Nun war sein Traum zu einem Ruf geworden, dem alle folgen würden.
Das Langschiff glitt über das Wasser, und der Wind trug den Traum weiter — wie eine unsichtbare Hand, die den Weg zeigte. Die Reise nach Glastingabyrig hatte begonnen. Und sie würde ihn nicht nur über das Meer führen, sondern durch die Schleier der Welt, in eine neue Welt, die er noch nicht greifen konnte.
Teil 3 – Die Initiation
Es roch nach feuchter Erde, als Ingvar Nebrason nach langer, manchmal mühevoller Reise den Fuß auf den Boden von Glastingabyrig setzte. Kein Wind bewegte die Luft. Kein Vogel sang. Es war, als hielte die Welt den Atem an. Vor ihm erhob sich der machtvolle Hügel, dessen Flanken von Nebel umwoben waren wie von alten Geistern. Und dort — am Fuß des Hügels — stand die Eiche aus seinem Traum, eingehüllt im Atem der Erde. Größer, als er sie sich je hätte vorstellen können. Ihr Stamm war wie ein lebendiger Strom aus Goldlinien, die sich wie Runen durch das Holz zogen. Die Blätter schimmerten silbern, und der Boden vibrierte leise, als würde die Erde selbst sprechen.
Ingvar trat näher. Seine Krieger und Schildmaiden blieben zurück — nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht. Nur Hervör trat einen Schritt vor, wie um Ingvar zwar schützen zu wollen, ihm aber doch Raum zu geben, für das, was kommen möge.
Unter der Eiche stand eine Frau. Ihr Haar fiel wie dunkler Nebel über die Schultern, und ihre Augen leuchteten in einer Farbe, die nicht von dieser Welt schien. Überhaupt wirkte sie sehr sphärisch. Sie trug ein Gewand aus Silberfäden, die im Licht des Morgens wie Wasser glitzerten und um ihren Hals hing ein Amulett in Form eines Schlüssels, ähnlich einem Ankh, alt und doch vollkommen. Sie lächelte, als hätte sie ihn schon viele Leben gekannt. „Ingvar Nebrason“, sagte sie. Ihre Stimme war warm wie das Rascheln von Blättern, aber in ihr lag die Kraft eines Sturms. „Du bist gekommen. Willkommen.“
Er wollte sprechen, doch sie hob die Hand — und die Welt veränderte sich. Der Nebel begann zu kreisen. Die Eiche pulsierte. Goldene Linien flammten auf, als würden sie sich neu ordnen. Und Ingvar fühlte sofort , wie etwas in seiner Brust aufbrach — ein Licht, das er nie bewusst getragen hatte, aber das immer in ihm gewesen war. „Ich bin Ælfrún“, sagte die Frau. „Hohepriesterin des alten Pfades. Hüterin der Schleier. Wächterin des Atems der Erde.“ Sie trat näher, und Ingvar spürte, wie die Luft um sie herum vibrierte. „Du hast viele Leben gelebt, bist gewandert. Du hast gekämpft, getragen, verloren, gefunden. Doch nun und hier beginnt deine wahre Aufgabe.“
Sie legte ihm die Hand auf die Brust. Ein goldener Funke sprang über — warm, klar, mächtig. „Du bist ein Lichtträger, Ingvar Nebrason. Nicht das Licht der Götter, nicht das Licht der Runen — sondern das Licht für die Menschen, jenes, das sie in sich tragen, aber vergessen haben.“
Der Nebel wurde heller. Die Eiche begann zu singen — ein tiefer Ton, der durch Mark und Seele ging. „Die Welt, sie wird dunkler werden“, sagte Ælfrún. „Durch das Vergessen. Die Menschen verlieren den Blick für das Wesentliche. Für das, was sie verbindet. Für das, was sie stark macht.“. Sie sah ihm tief in die Augen. „Du wirst sie erinnern, wer sie sind. Du wirst ihnen Hoffnung bringen, wenn die Schatten fallen. Mit deinen Talenten — mit deiner Stimme, deinem Mut, deinem Blick für das Wahre.“. Ingvar spürte, wie sich etwas in ihm formte: Ein Weg. Ein Auftrag. Ein Feuer, das nicht nur brannte, wärmte sondern heilte.
Ingvar war verwirrt, obwohl er Gewissheit in sich spürte. „Warum ich?“ fragte er leise. Ælfrún lächelte. „Weil du nie aufgegeben hast. Nicht in diesem Leben. Nicht in den anderen. Du bist der, der geht, wenn andere stehen bleiben. Du bist der, der sieht, wenn andere die Augen schließen.“
Sie legte ihm ein Amulett in die Hand, das sie aus ihrer Tasche holte, ein Kreis und ein Quadrat, ineinander verschlungen. „Dies ist dein Zeichen. Kein Symbol der Macht — sondern der Kraft, das scheinbar unmögliche möglich zu machen. Trage es, und die Menschen werden sich öffnen. Sie werden hören. Sie werden fühlen. Sie werden sich erinnern.“
Der Nebel löste sich. Die Eiche wurde still. Die Welt atmete wieder. Ælfrún trat zurück. „Gehe nun, Ingvar Nebrason. Als Lichtträger, als Krieger … aber Jener des Lichts.“ Ingvar senkte den Kopf. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wirklich … angekommen – ja, schon oft angenommen, aber bisher niemals wirklich angekommen.
„Heill ok sæll“, sagte Ælfrún. „Und möge dein Licht die Schatten durchdringen.“
Epilog 1 – Der Abschied
Der Abend senkte sich über Glastingabyrig. Man saß zusammen, es war zu spüren, daß etwas besonderes geschehen war und jetzt alles anders werden würde.
Ingvar Nebrason saß am Feuer neben Ælfrún, roch sie, spürte sie, wie als Teil seiner selbst. Es entstand ein Widerhall in ihm — ein Drang zu bleiben, aus einer leisen, tiefen Verbundenheit. Ihr Blick war ruhig, wissend, offen. Sie war Hohepriesterin, Hüterin der Schleier, aber in diesem Moment war sie einfach eine Frau, die einen Mann ansah, den sie über viele Leben hinweg gekannt hatte. „Du könntest natürlich bleiben, du willst es, ich sehe es in deinen Augen und ich erkenne es in deinen Gesten.“, sagte sie. Es war ein Angebot, das wie warmer Wind durch seine Brust strich. Ingvar sah sie an — in ihren wundervollen Augen lag kein Besitz, sondern Freiheit. Er wusste: Sie würde ihn nicht halten. Sie würde ihn nicht binden. Sie würde ihn nicht verlieren, wenn er ging. Denn ihre Verbindung war älter als alle Wege, älter als Körper, älter als Zeit. Es war die Verbindung zweier uralter Seelen.
„Ich spüre den Ruf, ich höre ihn im Wind.“, sagte Ingvar leise. „Er führt weiter. Nicht weg von dir — nur weiter.“ Ælfrún nickte. „Ich weiß … dann gehe. Und wisse: Auf anderen Ebenen bleibst du bei mir. Dort, wo Licht keine Entfernung kennt.“ Sie legte ihre Hand auf seine Brust, genau dort, wo das goldene Feuer in ihm brannte. Ein Funke sprang über — blau, silber, warm, klar, vertraut.
„Heill ok sæll, Ingvar Nebrason. Trage dein Licht. Und wenn du es brauchst, findest du mich — in jedem Atemzug der Welt.“ Er verneigte sich vor ihr, sie gab ihm einen Kuss – einen, der Liebe überträgt, einen den er nie vergessen würde. Dann wandte er sich um, ging, Tränen in den Augen. Seine Mannschaft folgte ihm, Hervör an seiner Seite, einen Arm auf seine linke Schulter gelegt.
Epilog 2 – Liebe zwischen den Welten
Das Langschiff lag im Abendlicht, man sah das nahe Feuer auf dem Segel flackern, die Ruder glänzten wie dunkle Flügel. Die vertraute Gruppe stieg an Bord. Der Wind griff in die Segel, als wolle er ihn willkommen heißen. Er setzte sich an den Bug, und sein Blick glitt über die Mannschaft. Er sah ans Ufer, erblickte die Silhouette von Ælfrún, glaubte ein Lächeln zu erkennen.
Er wandte sich wieder seiner Gemeinschaft zu. Da war sie: Hervör. Sie stand da, die Hände am Ruder, das blonde Haar vom Wind durchwühlt, die Augen klar wie Wasser im Morgenlicht. Eine Frau, die ihn nie bedrängt hatte, nie gefordert, nie gebunden — und doch immer an seiner Seite gewesen war … ein wahres Geschenk der Götter, von Freya persönlich, das wurde im nun klar, für diese Welt. Mutig. Eine treue Seele und dazu wunderschön. Ingvar spürte etwas in sich aufleuchten, viel zu lange war er alleine gegangen.
Er spürte kein Feuer wie bei Ælfrún. Keinen Ruf aus alten Welten. Sondern etwas zutiefst Menschliches. Warm. Erdig. Hier. Jetzt. In dieser Welt. Hervör bemerkte seinen Blick. Sie lächelte — mit einer Botschaft: Ich bin hier. Wenn du es willst, wann du es willst.
Ingvar atmete tief ein. Er wusste: Die Wege der Seele und die Wege des Lebens sind nicht dieselben. Manchmal kreuzen sie sich. Manchmal laufen sie parallel. Manchmal berühren sie sich nur kurz — und doch für immer.
Er sah zum Horizont. Das Meer öffnete sich wie ein neuer Anfang. Ælfrún würde ihn begleiten — auf Ebenen, die keine Entfernung kannten. Hervör könnte ihn begleiten — auf Wegen, die er gehen würde. Beides war wahr. Beides war möglich. Beides war offen.
Das Schiff glitt hinaus. Der Wind sang. Die Welt wartete. Und Ingvar Nebrason, Lichtträger und Krieger zwischen den Welten, er lächelte nun ebenfalls. Die Träne in seinem Auge sahen nur er, Odin und die zwei Raben, die das Schiff nach wie vor begleiteten.
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