Egil und der Atem der neun Welten
Der Morgen roch nach geschmiedetem Eisen, Salz und Tau, als Egil Skallagrímsson den Grat des Berges erreichte.
Unter ihm lag der Fjord wie ein silbernes Auge, darüber spannte sich der Himmel, wolkenschwer von alten Göttergeschichten …
Egil hob die Hand.
Der Wind hielt inne.
Die Welt lauschte.
Aus dem Nebel stieg Odin, ein Wanderer mit einem Auge voll von goldenem Licht und Einem voll von Dunkel, voll von Nacht.
Er sprach nicht. Er war Sprache.
Hinter ihn trat Freyja, die Sinnlichkeit selbst, mit einem Lächeln, das Männer rettete wie blendete … und Könige stürzte.
Ihr Mantel war aus Falkenfedern, ihr Blick wie aus Feuer.
Dann kam Thor, wie ein Donnerschlag in Menschengestalt, die Axt in der Hand, den Bart voller Sturm.
Und zuletzt Loki, der Schimmernde, der Zerreißer, der wandelnde Tänzer zwischen Wahrheit und Wunde.
Egil stand allein — und war doch sofort all-eins.
Odin zeigte auf Egils Brust.
„Du trägst die Neun Welten in dir, Skald. Nicht als bloße Geschichten — als Wunden wie Wunder, als Kraft, als Sehnsucht in deinem Blick, als Schwingung in deinem Äther.“ 1 – 2 – 3 – 4
Freyja legte ihm die Hand auf den Nacken. Egil durchfuhr es wie ein Blitz.
„Du kennst die Sinnlichkeit der Schöpfung, ihre Symbole und Frequenzen — das Feuer, das aus Schmerz geboren wird.“ 5 – 6 – 7
Thor nickte.
„Und du kennst den ewigen Kampf, der nicht gegen Feinde geht, sondern viel zu oft gegen das eigene Herz.“ 8
Loki lächelte schief.
„Und du kennst die Tiefe, die man nur findet, wenn man alles verliert.“ 9
Egil spürte, wie die Worte sich in ihm sammelten — wie Runen, die sich selbst entzünden, wie geometrische Figuren, die plötzlich ein klares Bild ergeben.
Er hob die Stimme.
Ein einziger Vers … kurz wie ein Hieb, hell wie Silber, kraftvoll und dunkel wie ein schwarzer Panther:
„Ich bin der Sohn des Sturms,
geboren aus Feuer,
genährt vom Verlust,
und geläutert durch unerfüllte Liebe,
doch Liebe-Voller denn je.
Ich bin bereit.“
Der Fjord antwortete mit einem goldenen Echo, einer plötzlichen Sturmböhe, die Egils Gedanken lüftete.
Die Götter verschwanden — nicht fort, sondern in ihn hinein.
Egil ging den Berg hinab.
Er wusste:
Was er eben erlebt hat, war keine pure Vision, keine simple Begegnung mit höheren Wesen, es war eine reine Bewegung im Inneren, ein Tanz aus Kraft, Sinnlichkeit und bewusst machender Tiefe, die jene Menschen heimsucht, die all-zu viel im Außen interpretieren und zu wenig ins Innere blicken … bis schliesslich eine all-umfassende Liebe aus ihren Herzen aufsteigt …
… und so wurde Egil nicht nur ein Skald, ein Magier der Sprache, sondern ein Lichtträger für alle Zeiten – aus dem Inneren leuchtend, es ins Außen tragend.
Er atmete durch.
Hatte seine Lektion für alle Ewigkeit gelernt,
für neun Leben,
in neun Welten,
und mehr!
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Zur Magie der Kurzgeschichte

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