Klotho macht Überstunden

Klotho macht Überstunden

Klotho war erschöpft.

Seit Jahrhunderten hatte sie keinen Urlaub mehr genommen.

Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich Lebensfäden. Manche waren gerade, manche kunstvoll verwoben, andere so verknotet, dass selbst sie nicht mehr verstand, wie die Menschen das geschafft hatten.

„Früher war das einfacher“, murmelte sie.

Neben ihr saß Lachesis und maß schweigend Lebenslängen ab.

Atropos schliff gelangweilt ihre Schere.

„Du machst schon wieder Überstunden“, sagte Atropos.

„Ich weiß.“

„Wegen der Menschen?“

„Wegen eines Menschen.“

Atropos verdrehte die Augen.

Lachesis blickte von ihrem Maßstab auf.

„Felix?“

Klotho nickte.

Die beiden anderen Moiren seufzten synchron.

„Nicht schon wieder Felix.“

Felix war kein Held. Zumindest keiner von der Sorte, über die später Bücher geschrieben werden.

Er rettete keine Königreiche.

Er erfand keine Maschinen.

Er gründete keine Religion.

Alles, was Felix besaß, war ein viel zu großes Herz, er trug zu viel Liebe in sich – für diese Zeit.

Und genau damit brachte er seit Jahren den gesamten Schicksalsapparat durcheinander.

Immer wenn sein Lebensweg klar vor ihm lag, bog er ab.

Nicht aus Angst.

Nicht aus Gier.

Sondern weil sein Herz ihm wieder einmal einen Weg wies.

Dann verschob sich alles.

Wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Eigentlich hätte er seine eigentliche Lebensaufgabe längst erfüllen sollen.

Doch inzwischen hatte er so viele Umwege genommen, dass sein Faden aussah wie eine große Portion Spaghetti.

„Er kennt seinen Weg“, sagte Lachesis.

„Ja.“

„Er geht ihn aber nicht.“

„Ja.“

„Dann lass ihn.“

„Nein.“

Atropos schüttelte den Kopf.

„Du bist viel zu nah dran.“

„Vielleicht.“

„Das ist gegen die Vorschriften.“

„Welche Vorschriften?“

„Die Ungeschriebenen.“

„Ach die.“

Klotho stand auf und ging zu einem großen Fenster.

Von dort konnte sie auf die Erde blicken.

Sie sah Menschen, die allem vertrauten außer sich selbst.

Sie sah Menschen, die Herz und Seele gegen Karriere tauschten.

Lebendigkeit gegen Sicherheit. Klar- & Wahrheit in Anpassung verwandelten.

Sich im Schein suhlten und das Sein vergessen hatten.

Und sie sah Felix.

Wieder einmal.

An einem Scheideweg.

Der Mann wusste längst, was zu tun war.

Tief in seinem Herzen trug er die Antwort seit Jahren.

Er sollte Menschen verbinden.

Ihnen Mut machen.

Sie erinnern, wer sie wirklich waren.

Nichts Großes.

Nichts Spektakuläres.

Nur das vielleicht Wichtigste überhaupt.

Doch inzwischen hatte er sich ein Leben gebaut, das kaum noch Platz dafür ließ.

Finanzielle Pflichten.

Versprechen.

Verträge.

Verantwortungsgefühl.

Alles gute Gründe.

Und doch wurde sein Raum immer enger.

Neben seinem Lebensfaden hing ein Schatten.

Ein dunkles Muster.

Es war alt.

Sehr alt.

Es zog sich durch die Männer seiner Familie wie ein kalter Wind.

Generation um Generation.

Immer dieselbe Krankheit.

Immer dieselbe Botschaft.

Immer dieselbe Frage:

Wann beginnst du, deinen Lebensweg zu gehen?

„Siehst du?“, sagte Atropos hinter ihr.

„Er wird es nicht schaffen.“

Klotho antwortete nicht.

Sie betrachtete den Faden.

Dann lächelte sie.

„Doch.“

„Warum?“

„Weil er immer noch liebt.“

„Das tun viele.“

„Nein.“

Klotho schüttelte den Kopf.

„Viele lieben, solange es leicht ist.“

„Und er?“

„Er liebt auch dann noch, wenn es schwierig wird.“

In diesem Moment begann sich der Lebensfaden zu verändern.

Ganz leicht.

Fast unsichtbar.

Eine einzelne neue Linie entstand.

Niemand hatte sie geplant.

Nicht Lachesis.

Nicht Atropos.

Nicht einmal Klotho.

Denn sie war aus etwas entstanden, das selbst die Moiren nicht spinnen konnten.

Einer freien Entscheidung.

Da begriff Atropos.

Das Schicksal war kein Gefängnis.

Es war eine Melodie, Klang ist Leben.

Die Aufgabe blieb dieselbe.

Doch der Mensch durfte entscheiden, wie er sie spielte.

Manche wählten Angst.

Manche Ausreden.

Manche Bequemlichkeit.

Und manche, wie Felix, verliefen sich immer wieder, fanden jedoch jedes Mal einen Weg zurück zu ihrem Herzen.

Klotho lächelte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Sie setzte sich wieder an ihr Spinnrad.

„Also gut“, sagte sie.

„Noch ein paar Überstunden.“

„Warum?“, fragte Lachesis.

Klotho blickte auf die Erde.

„Weil ich immer noch an sie glaube, die Menschen.“

Und irgendwo tief unten nahm ein Mann einen stillen Entschluss wahr.

Keinen gewaltigen.

Keinen weltbewegenden.

Nur den nächsten richtigen Schritt.

Doch manchmal genügt genau dieser Schritt, um dem Schicksal einen Weg zu weisen.

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