Die Eibe am Rande der Welt

Die Eibe am Rande der Welt

In alter Zeit stand am Rand der Welt eine Eibe.

Niemand wusste, wie alt sie war.

Ihre Wurzeln reichten tiefer als die Erinnerung der Menschen, und ihre Krone trug die Stimmen vieler Generationen.

Die Wölfe saßen unter ihr, sangen ihre Lieder.

Jedes Kind, das geboren wurde, erhielt von von der Eibe eine weiße Feder.

Nicht aus ihren Zweigen. Nicht aus ihren Nadeln.

Es war die Feder eines weißen Raben, der in ihrer Krone lebte, symbiotisch mit ihr verbunden.

Die Federn wuchsen nach, wenn sie der Rabe von Einer trennte.

Die Alten sagten zu den Jungen:

„Verliere die Feder nicht. Denn solange du sie bei dir trägst, findest du den Weg durch jeden Nebel.“

Viele Jahre lang achteten die Menschen darauf.

Wenn sie Entscheidungen treffen mussten, legten sie die Feder auf ihre Brust und lauschten.

Wenn sie Streit hatten, hielten sie inne.

Wenn sie sich verirrten, warteten sie auf den Wind.

Und der Wind antwortete.

***

Doch eines Tages erschien ein silberner Nebel.

Er war anders als jeder andere Nebel.

Er spiegelte Bilder.

Wer hineinsah, sah sich selbst.

Nicht wie er war.

Sondern wie er gern gewesen wäre.

Die Menschen standen stundenlang darin.

Tage.

Jahre.

***

Schließlich bemerkten viele nicht einmal mehr, dass ihre Federn verschwunden waren.

Der weiße Rabe verließ die Eibe.

Er ward nie mehr gesehen.

Die Quellen wurden still.

Die Wölfe vergaßen ihre Lieder.

Die Sterne schienen ferner als zuvor.

Nur die Eibe blieb.

Winter um Winter.

Stumm.

Wartend.

Vergessen.

***

Eines Herbstes kam ein Kind zu ihr.

Das Kind hatte keine Feder.

Es hatte keine Antworten.

Keine Karte.

Keine Weisheit.

Es setzte sich lediglich zu den Wurzeln und fragte:

„Warum schweigt die Welt?“

Da fiel aus der Krone etwas herab.

Ein Same.

Das Kind hob ihn auf.

In ihm war ein Ton verborgen.

Nicht laut.

Kaum hörbar.

Wie ein Herzschlag tief unter der Erde.

Das Kind hörte ihn.

Der Ton führte das Kind durch Wälder, über Moore und Berge.

Und wo immer es innehielt und lauschte, erwachte etwas.

Eine Quelle begann wieder zu fließen.

Ein Wolf erinnerte sich an sein Lied.

Ein Fremder erkannte seinen Bruder.

Ein alter Schmied sein Handwerk.

Ein Hirte den Himmel.

Und ein verlorener Mensch seinen Weg.

***

Viele Jahre später war das Kind alt geworden.

Als es starb, pflanzte man den Samen in einen Hügel.

Daraus wuchs eine neue Eibe.

Und in ihrer Krone saß wieder ein weißer Rabe.

Der Erste, den die Menschen seit Langem sahen.

Und sie erinnerten sich.

Seitdem heißt es, dass die Welt niemals wirklich verloren gehen kann.

Denn was vergessen wurde, schläft nur.

Bis es geweckt wird.

Wenn es still genug wird, um wieder hören zu können.

***
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Zwischen den Zeilen
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