Die Heimkehr des Marcus

Die Heimkehr des Marcus

Der Wind roch nach Salz und Meer, als Marcus Valerius zum letzten Mal durch die Straßen von Aquileia ging.

Zwanzig Jahre hatte er unter den Adlern Roms gedient. Er war entlang des Rheins marschiert, hatte in den Ebenen Pannoniens Wache gehalten und die staubigen Straßen Italiens kennengelernt. Nun war seine Dienstzeit beendet.

Die Armee hatte ihm Sold, Ausrüstung und das Bürgerrecht gegeben. Doch sie hatte ihm auch zwanzig Jahre seines Lebens gekostet.

Er war ein Mann von beinahe vierzig Wintern geworden.

Zu alt für jugendliche Abenteuer.

Zu jung für ein Warten auf das Ende.

Was er suchte, war eine Heimat, ein Ort für ein sinnvolles Leben.

Seine Mutter war Norikerin gewesen. Von ihr kannte er Geschichten über die Berge im Norden. Über dunkle Wälder, klare Quellen und Almen, auf denen die Sterne nachts näher zu sein schienen als irgendwo sonst.

Eines Markttages begegnete er einer Händlerin.

Sie verkaufte Bernstein, Salz, Honig und getrocknete Kräuter aus den Provinzen des Nordens.

Als Marcus ihren Dialekt hörte, erwachte etwas in ihm.

Er sprach er sie an.

Die Frau lächelte.

„Du suchst einen Ort zum Leben? Dann zieh nach Norden. Dorthin, wo ich herkomme. Dort, wo die Berge das fruchtbare Land umgarnen.“

Sie erzählte ihm von einer beinahe verlassenen Siedlung tief in den norischen Alpen.

Eine wohlhabende Ansiedlung sei es einst gewesen.

Mit gepflasterten Wegen.

Mit Handwerkern.

Mit Villen.

„Man nennt sie das kleine Pompeji der norischen Alpen“, sagte sie. „Einst prachtvoll, nun fast aufgegeben.“

„Viele Häuser stehen nicht mehr. Doch das Land ist fruchtbar, ein See in der Nähe und die Quellen versiegen nie.“

***

In dieser Nacht konnte Marcus nicht schlafen.

Am nächsten Tag verließ er Aquileia.

Nur sein Pferd, ein Wagen und wenige Besitztümer begleiteten ihn.

Wochenlang führte ihn der Weg durch Täler und über Pässe.

Er folgte Handelsstraßen, übernachtete in Herbergen, bei Bauern und manchmal unter freiem Himmel.

Je weiter er nach Norden kam, desto vertrauter wurde ihm die Landschaft.

Etwas in ihm erinnerte sich.

Nicht mit dem Verstand.

Mit dem Herzen.

Eines Morgens erreichte er schließlich die Gegend um die alte Siedlung am Mons Viserius.

Die Bewohner der umliegenden Höfe erzählten ihm von den langsam verfallenden Häusern.

Von alten Mauern.

Von Steinen, die schon vor der Zeit ihrer Großväter dort gelegen hatten.

Marcus wanderte weiter.

Der Pfad führte durch Wiesen und lichte Wälder.

Die Menschen nannten ihn die Via Trebesina.

Schließlich erreichte er eine Anhöhe.

Vor ihm öffnete sich die Landschaft.

Das Tal lag friedlich zu seinen Füßen.

Im Westen leuchteten die Gipfel in der Nachmittagssonne.

Hinter ihm raunte der Wald, rauschte ein Fluß.

Da wusste er: Hier endet meine Reise. Und hier beginnt mein Leben.

***

Mit den Ersparnissen aus seiner Dienstzeit erwarb er beim Duovir der Ansiedlung ein Stück Land am Hang.

Nicht groß.

Doch groß genug.

Im ersten Jahr errichtete er einen Stall und ein kleines Wohnhaus aus Stein.

Im zweiten Jahr entstand eine bescheidene Villa Rustica.

Mit einem Innenhof.

Einem Gemüsegarten.

Einigen Obstbäumen.

Und einer Bank, von der aus man das ganze Tal überblicken konnte.

***

Die Nachbarn bestaunten den ehemaligen Soldaten.

Noch vor Sonnenaufgang stand er auf.

Er pflegte sein Land.

Legte Felder an.

Versuchte sogar Weinreben an den sonnigen Stellen des Hanges anzupflanzen.

Die Jahre vergingen.

Aus dem Fremden wurde ein Nachbar.

Aus dem Soldaten ein Agricola.

Und schließlich begegnete er IHR – Brigantia.

Die Tochter eines norischen Handwerkers, eine Vidua.

Sie hatte dunkle Haare und Augen, die den Himmel vor einem Sommergewitter widerspiegelten.

Sie lachte viel, trotz ihres Schicksals.

Und wenn sie lachte, schien die ganze Welt heller zu werden.

Marcus verliebte sich in dieses Lachen, ihre fröhliche Art.

Seine Liebe wuchs stetig, wie ein Baum … und so die ihre.

Langsam.

Tief.

Unaufhaltsam.

Im nächsten Frühling zog Brigantia in die Villa ein. Das Leben nahm seinen Lauf.

Winter wie Sommer

***

Viele Jahre später saß Marcus wieder auf jener Bank vor seinem Haus.

Sein Haar war weiß geworden.

Die Hände waren vom Arbeiten gezeichnet.

Vor ihm lag das Land, das er einst als Fremder betreten hatte.

Hinter ihm stand das Haus, das er Stein für Stein errichtet hatte.

Neben ihm saß Brigantia.

Sie schwiegen.

Denn manche Augenblicke brauchen keine Worte.

Als die Sonne hinter den Bergen versank, dachte Marcus an den Tag in Aquileia zurück.

An die Händlerin.

An ihren Rat.

An den langen Weg hierher.

Dann lächelte er.

Nicht jeder findet im Leben seinen Platz.

Er hatte ihn gefunden.

Hier oben.

Am Ende eines Weges.

Der Anfang einer späten Heimat – Campus Salis.

***
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